Frauenherzen in Gefahr: Risikofaktor weiblich

Gleichberechtigung – im Sinne von Gleichbehandlung – lässt in der Kardiologie auf sich warten: Frauenherzen sind deutlich gefährdeter als Männerherzen.

Frauenherzen sind im Nachteil.

Bereits 1991 wies eine US-amerikanische Studie nach, dass Frauenherzen schlechter versorgt werden. Dieser Befund hat bis heute leider reichhaltige Bestätigung gefunden. Eine Studie der Universität Bremen zeigte beispielsweise, das mit männlichen Infarktpatienten anders umgegangen wird. Nämlich besser. Auch viele andere Untersuchungen kamen zum Schluss, dass von den Fortschritten in der Herz-Kreislauf-Medizin eher Männer profitieren. So werden Frauen mit Herzkrankheiten weniger intensiv medikamentös behandelt als Männer. Moderne Behandlungstechniken wie etwa ein Bypass werden bei Frauen ebenso seltener angewandt.

Frauen sterben häufiger an Herzleiden

Das Risiko an einem Herzleiden zu sterben, hängt vom Geschlecht ab. Statistiken zeigen drastische Unterschiede: Frauen haben eine ungünstigere Prognose. Das gilt besonders für Herzschwäche. Hier lag die Zahl der Todesfälle pro 100.000 Einwohner bei Frauen um 81,6 Prozent höher als bei Männern. Ähnliches Bild bei Herzrhythmusstörungen: Hier ist die Anzahl der Todesfälle im Verhältnis zur Zahl der Einwohner bei Frauen 47 Prozent höher als bei Männern. Weiterhin ist statistisch erwiesen, dass Patientinnen öfter an Herzinfarkten sterben.

Nicht nur diese Daten warnen, dass Frauen erheblich im Nachteil sind. Doch warum? Gibt es vielleicht medizinische Engpässe bei Herzpatientinnen?

Pannen bei Frauenherzen

Gründe für das eklatante Missverhältnis zwischen weiblichen und männlichen Herzpatienten gibt es viele. Die Pannen ziehen sich wie ein roter Faden durch die gesamte Versorgung. Das beginnt bereits bei der Vorbeugung: Frauen werden von Ärzten wesentlich seltener als Männer über die Notwendigkeit körperlicher Aktivität, Gewichtsabnahme und Ernährungsaspekten beraten. Wo Worte fehlen, können schwerlich Taten folgen …

Verspätete Diagnosen sind ein weiteres Problem. Bis eine Frau beispielsweise eine korrekte Diagnose über ein verengtes Herzkranzgefäß erhält, dauert es im Schnitt sechs ganze Jahre. Männer erhalten diesen entscheidenden Befund nach durchschnittlich neun Monaten. Woran das liegt? Unter anderem daran, dass Ruhe- und Belastungs-Elektrokardiogramm irreführende Ergebnisse liefern. Die Aussagekraft ist eindeutig schlechter als bei Männern. Auch bei der Herzschwäche bereitet die korrekte Diagnose größere Probleme. Sie wird bei Frauen häufiger nicht oder erst sehr spät erkannt: Apparative Untersuchungen wie Echokardiographie oder EKG werden bei ihnen seltener durchgeführt. Fatal, denn je eher die Diagnose gestellt und die Behandlung gestartet wird, desto besser sind die Chancen für eine erfolgreiche Therapie.

Die Ungleichstellung gipfelt in der Behandlung: Bei Frauen werden die Möglichkeiten der modernen Kardiologie nicht ausreichend genutzt. Frauenherzen werden schlichtweg weniger intensiv behandelt. Infolgedessen haben Frauen schlechtere Überlebenschancen als Männer.

Ausschlusskriterium weiblich

Frauen sind auch deshalb so im Hintertreffen, weil sie in Studien zur Behandlung kaum berücksichtigt werden – nicht nur bei Herz-Kreislauf-Krankheiten. Zu Forschungszwecken wurden und werden Männer, möglichst jung, bevorzugt. Einerlei, ob Volkskrankheiten studiert oder Tests zu neuen Medikamenten gemacht werden. Die bei Männern gewonnenen Studienergebnisse überträgt man dann kurzerhand auf Frauen. Fatal, denn viele Organe des menschlichen Körpers haben ein Geschlecht. Das heißt, Frauen regieren anderes als Männer – auf Arzneimittel wie auf andere Behandlungen.

Warum sind weibliche Versuchspersonen bis heute in der Minderzahl? Weil sie der Wissenschaft zu kompliziert und damit auch zu teuer sind. Schon allein, dass ihr Hormonspiegel allmonatlich schwankt und den Vergleich der Ergebnisse erschwert. Für wirklich exakte Daten müssten die Tests jeweils vor und nach der Periode sowie vor und nach den Wechseljahren stattfinden. Frauen bergen vor allem auch eine Gefahr: Sie könnten schwanger werden. Ein Sicherheitsrisiko, das bei Studien tunlichst vermieden werden soll.

Weitere Indizien

Frauen haben ein anderes Risikoprofil. Die bekannten Gefahren für den Lebensmuskel sind für Evas und Adams nicht gleichermaßen schädlich. Frauenherzen reagieren auf viele Risikofaktoren wie beispielsweise Bluthochdruck, Diabetes und Rauchen anders – nämlich deutlich empfindlicher. Was offensichtlich nicht weiter kümmert … Ebenso wenig, dass kranke Herzen bei Frauen andere Symptome zeigen als bei Männern. Das gilt nicht nur für das Schreckgespenst Infarkt, sondern auch für Herzschwäche oder Herzrhythmusstörungen. Nächstes Problem: Viele Medikamente – auch solche für das Herz – wirken bei Frauen anders oder müssen anders dosiert werden.

Fazit: Unsere Medizin, besonders die Kardiologie, ist eher auf den Mann vorbereitet und ausgerichtet, und weniger auf die Frau. Steht zu hoffen, dass die vielen Lücken in Forschung und Behandlung bald einmal geschlossen werden.

Foto: © olly – Fotolia.com
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