Ewiger Mythos Herz

Das Herz – keinem anderen Organ wurde in der Menschheitsgeschichte eine so starke Beachtung zuteil. Diese Faszination hält sich bis heute.

Das Herz ist rundum faszinierend.

Coeur, cuore, heart, corazón, coracáo, Herz: ein Begriff, der zahlreiche Assoziationen erweckt, in allen Sprachen, allen Kulturen und allen Zeiten. Obwohl sich das Bild vom Herz im Laufe der Epochen vielfach gewandelt hat, hat es nie an Faszination verloren. Auch heute, in Zeiten der Transplantationschirurgie, Herzschrittmacher und Katheter, besitzt es noch große symbolische Kraft. Gehen wir zusammen auf eine kleine Zeitreise …

“Das Herz spricht”: der Pulsschlag

Im alten Ägypten der Pharaonen erachtete man das Herz als Träger der körperlichen wie geistig-seelischen Lebenskraft. Im Jenseits, so der Glaube, wurde es vom schakalköpfigen Totengott Anubis auf eine Waagschale gelegt. Er wog das Herz gegen die Feder der Maat, der Norm des rechten Lebens. Ein Ungleichgewicht galt als Indiz für Zuwiderhandlungen gegen die Gesetze der Maat. Das betreffende Herz wurde einem Untier zum Fraß vorgeworfen. Solchen fatalen Konsequenzen galt es vorzubeugen und das Herz gnädig zu stimmen, damit es nicht gegen seinen Besitzer aussagte. Für sehr wirkungsvoll hielt man hierzu Grabinschriften wie diese: “O Herz, das zu meinem Wesen gehört! Tritt nicht gegen mich als Zeuge auf, bereite mir keinen Widerstand vor den Richtern”.

Ungeachtet solcher religiösen Gepflogenheiten hatte “metu” (altägyptisch für Herz) auch einen wichtigen medizinischen Stellenwert. Es galt als essentiell für die Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit. Einen entsprechend großen Raum nahm die Behandlung von Herzerkrankungen bei den altägyptischen Ärzten ein. Auch wenn das Blutkreislaufsystem noch nicht entdeckt war, galt der Herzschlag bereits als ursächlich für den Puls: Bildhaft ausgedrückt in der Formulierung “das Herz spricht”. Wie es das tat, ließ Rückschlüsse auf Krankheiten zu.

Sitz des körperlichen und seelischen Lebens

Im alten Ägypten gab es bereits zahlreiche Heilzubereitungen gegen Herzerkrankungen. Sie sind der Nachwelt durch medizinische Schriften wie dem berühmten Papyrus “Ebers” überliefert. Dort zeigt sich, dass etwa Erkrankungen namens “Schwäche des Herzens” oder “Gefäßverkalkung” bereits damals weit verbreitet waren. Untersuchungen an Mumien belegen ebenfalls: Die alten Ägypter hatten bereits mit den gleichen Erkrankungen des Herzens zu kämpfen wie wir heute. Im Altertum war die zentrale Bedeutung des Herzens zur Erhaltung des Lebens bereits wohl bekannt. Ebenso war das Wissen um die Aufgaben, die es im Körper übernimmt, schon vergleichsweise ausgereift. Die Auffassung, dass körperliche wie seelische Lebenskraft im Herz vereint sind, blieb jedoch immer bestehen. Sie war bis in die Neuzeit hinein selbstverständlich.

Revolutionäre Neuerungen

Mit der Entdeckung des Blutkreislaufes im Jahr 1628 kam dann der Wandel. Die bis dato geltenden Lehrmeinungen änderten sich von Grund auf – der Weg für die moderne Herzmedizin war frei. Zugleich wurde das uralte Band zur Psyche durchschnitten: Das Herz galt nicht länger als Träger der Lebenskraft und Sitz der Seele in einem. Das Wissen um den Blutkreislauf eröffnete der Medizin vollkommen neue Möglichkeiten. Man stellte Versuche mit Injektionen an, zunächst bei Tieren und schon 1665 auch bei Menschen. Im gleichen Jahr erfolgte die erste Bluttransfusion zwischen zwei Hunden. Die gleiche Versuchsanordnung von Mensch zu Mensch hatte allerdings fatale, nämlich tödliche Folgen. Bis die unterschiedlichen Blutgruppen entdeckt wurden, die bei einer Bluttransfusion beachtet werden müssen, sollte es noch bis 1901 dauern. Ungeachtet solcher Rückschläge war der medizinische Pioniergeist entfacht: Im Jahr 1733 gelang erstmals die genaue Messung des Blutdrucks. 1896 wurde der Prototyp des heutigen Blutdruckmessgerätes entwickelt.

Von einem Meilenstein zum nächsten

Die Herzmedizin machte weiter rasante Fortschritte: Sie verzeichnete immer neue Erfolge, einer spektakulärer als der vorhergehende. Nach der ersten chirurgischen Herznaht im Jahr 1896 kam 1923 die erste erfolgreiche Operation einer Herzklappenverengung. 1929 erfolgte dann die erste Untersuchung mit einem Herzkatheter. Durchgeführt wurde sie einem jungen Arzt an der Berliner Charité. Im Selbstversuch: Er schob sich einen dünnen Gummischlauch von der linken Ellenbeuge durch die Armvene bis in die rechte Herzkammer vor. Nachdem er ihn über dreißig Zentimeter eingeführt hatte, dokumentierte er im Röntgenbild selbst das Ergebnis seiner “Sondierung des rechten Herzens”. Für seinen Mut wurde der Arzt 1956 mit dem Nobelpreis für Medizin geehrt.

Nächster Meilenstein der Herzmedizin war die zeitweise Ausschaltung der Herz- und Lungenfunktion mittels der Herz-Lungen-Maschine. Sie kam 1954 erstmals erfolgreich zum Einsatz und machte die folgenden chirurgischen Eingriffe erst möglich. So beispielsweise das Einsetzen des ersten künstlichen Herzschrittmachers im Jahr 1958 sowie die Bypass-Chirurgie. Eine der Sternstunden der Medizin schlug am 3. Dezember 1967 mit der ersten Verpflanzung eines menschlichen Herzens. Sie konnte das Leben des Patienten allerdings nicht retten und er starb wenige Tage nach dem Eingriff.

Seelisches und geistiges Herz

Trotz des medizinischen Fortschritts gingen die anderen Gesichter des Herzens nicht verloren. So ist uns allen das “seelische Herz” bekannt, dass sich uns in Emotionen offenbart. Die Resonanz von Liebe und Hass, Freude und Wut, Offenheit und Angst empfinden wir körperlich als Befreiung oder als Druck in der Brust. Nicht zu vergessen das “klopfende Herz”, ein untrüglicher Seismograph unseres psychischen Befindens.

Das “geistige Herz” konfrontiert uns mit Inhalten, die tief verborgen im Bewusstsein ruhen. Sie geben sich körperlich spürbar am Herzschlag oder als Beklemmung im Brustraum zu erkennen. Auch dass uns etwas “am Herzen liegt” oder aber “ein Stein vom Herzen fällt”, kommt nicht von ungefähr. Ebenso nicht, dass uns “das Herz in die Hose rutscht”, weil wir ängstlich sind, oder es “vor Freude hüpft”, wenn wir glücklich sind. Die vielen Redewendungen nehmen Bezug auf deutlich spürbare körperliche Reaktionen: Der “Stein, der vom Herzen fällt”, lässt uns in der Tat erleichtert aufatmen.

Foto: © Bernd S. – Fotolia
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